Flächendeckende E-Mobilität ist der falsche Weg

Wir brauchen technologische Offenheit
Von Hans-Jürgen Irmer MdB

 

 

Wir beruhigen in Deutschland unser Gewissen
– zu Lasten der Rohstoff-Länder
Geht es nach den Plänen von Bund und Ländern soll es einen massiven, um nicht zu sagen flächendeckenden Ausbau von E-Mobilität in Deutschland in den nächsten zehn bis 15 Jahren geben. Ich halte diesen Weg der flächendeckenden E-Mobilität für falsch, weil wir zwar damit unser ökologisch reines Gewissen beruhigen können, aber geflissentlich übersehen, welche Umweltschäden wir in den Staaten verursachen, in denen die Rohstoffe gefördert werden müssen.

Kobalt
Ohne Kobalt gibt es keine entsprechende Batterie. In Handys haben wir etwa 10 g Kobalt, in Batterien je nach Größenordnung zwischen 12 und 15 Kilo. Hinzu kommen etwa 12 Kilo Ni-ckel plus 11 Kilo Mangan, 6 Kilo Lithium und 35 Kilo Graphit am Beispiel eines BMW i3. 60 Prozent des Kobalts kommen aktuell aus dem Kongo. Dort wird das Kobalt häufig unter unwürdigsten Bedingungen von Kindern in Einsturz gefährdenden Minen gefördert. Die Umwelt-zerstörung dort ist riesig. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Kinderarbeiter liegt bei etwa 30 Jahren. Im Übrigen ist der Kobalt-Abbau durch Kinder ein Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention von 1999 und gegen die UN-Verpflichtung zur Abschaffung von Kinder- und Zwangsarbeit aus dem Jahr 2015.
Der Kobalt-Preis lag im Jahr 2016 bei rund 32 Euro pro Kilo, im Jahr 2018 bei 74 Euro, und wenn man die Vervielfachung des benötigten Kobalts vor Augen hat, wird klar, dass die Preise pro Kilo in den nächsten Jahren nach oben explodieren werden. Kosten, die bei der bisherigen Kosten-Nutzungsrechnung nicht (!) eingerechnet wurden.

Lithium
Der Abbau von Lithium erfolgt aktuell zum Beispiel in den argentinischen Anden oder auch in Bolivien. Riesige Flächen werden dort zerstört, mit Chemikalien vergiftet, Wasser in ohnehin wasserarmen Regionen der indigenen Bevölkerung entzogen, so dass wir gerade dort Um-welt-Raubbau betreiben. Im Jahr 2017 wurden 69.000 Tonnen Lithium produziert. Für das Jahr 2030 rechnet man mit etwa 240.000 Tonnen. Der Preis für die Tonne Lithiumkarbonat betrug Ende 2017 etwa 12.000 bis 14.000 Euro und damit schon das Doppelte gegenüber dem Zeitraum von vor zwei Jahren. Hier gilt wie überall, dass entsprechend steigende Nachfrage für entsprechend stark steigende Preise sorgt. Weder die Preiserhöhung noch die gigantische Umweltzerstörung werden bei der Herstellung von Batterien für E-Autos berücksichtigt.

Graphit und Seltene Erden
Zur Herstellung von Batterien benötigt man Graphit. 70 Prozent davon kommen derzeit aus China. Im Übrigen gilt ein ähnlicher Prozentsatz für die sogenannten Seltenen Erden, die man ebenfalls benötigt und auf die China so hohe Zugriffsmöglichkeiten hat, weil man sich rechtzeitig in Afrika mit entsprechenden Schürfrechten ausgestattet hat, dass sie bezüglich des Preises und der politischen Erpressbarkeit ein hohes Risiko darstellen.

CO2-Einsparung?
Ziel der flächendeckenden E-Mobilität ist der Versuch, CO2 einzusparen. Zur grundsätzlichen Thematik von CO2 soll an dieser Stelle bewusst noch nicht Stellung bezogen werden. Dies erfolgt in einem weiteren Teil. Fakt ist, dass das schwedische IVL-Institut beispielsweise errechnet hat, dass man zur Erzeugung einer Tesla-Modell-S-Batterie etwa 100 kW pro Stunde benötigt. Das entspricht etwa 17,5 Tonnen CO2-Ausstoß. Der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß des Menschen liegt bei ca. 10 Tonnen CO2. Mit anderen Worten: Ein Fahrzeug mit herkömmlichem Antrieb kann acht Jahre gefahren werden, bevor es die Umwelt so stark belastet wie die Akku-Produktion für einen Tesla, wobei man die gefahrene Kilometer-leistung außen vor lassen muss, denn die ist bei dem herkömmlichen Diesel oder Benziner um ein Vielfaches höher als bei einem E-Auto. Die Energiedichte ist im Vergleich zu einem Benziner deutlich niedriger. Eine 900-Kilo-Batterie entspricht einem 30-Liter-Tank und ist nach etwa 700 Ladevorgängen verschlissen, so dass dann die Batterie in Form von Sondermüll zu entsorgen ist. Die Entsorgungsprobleme sind an dieser Stelle noch nicht berücksichtigt.

Teure Ladestationen – geringe Reichweiten
Abgesehen davon, dass die Zahl der Ladesäulen naturgemäß auch nicht ansatzweise für eine 10- oder 20-prozentige Steigerung von E-Mobilität vorhanden ist, geschweige denn von einer 100-prozentigen Versorgung – das würde im Übrigen bedeuten, dass wir bundesweit ca. 20 bis 25 Prozent mehr Strom benötigen –, müsste diese teure Lade-Infrastruktur erst geschaffen werden. Man geht davon aus, dass eine Ladesäule etwa 20.000 Euro kostet,
eine Schnell-Ladesäule ca. 30.000 Euro, der Ladevorgang im Normalfall zehn Stunden dauert – und das bei einer Reichweite je nach Modell, die bei 100 bis 250 Kilometern liegt.

Berliner Negativbeispiel
Wohin es führt, wenn Ideologie Vernunft und Sachverstand überlagert, kann man bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) sehen. Sie haben aktuell erklärt, sie wollten bis 2030 nur noch
E-Busse anschaffen; Stückpreis ca. 600.000 Euro im Vergleich zu ca. 250.000 bis 400.000 Euro für den „normalen“ Bus. Die BVG gab also eine entsprechend größere Busbestellung in Auftrag und ging davon aus, dass durch die höhere Stückzahl der Preis sinken
würde. Doch weit gefehlt, da Nachfrage und Preise in der Zwischenzeit gestiegen waren. Außerdem problematisch: Die Reichweite der E-Busse beträgt etwa 140 Kilometer, während die
herkömmlicher Busse bei 600 bis 700 Kilometern liegt. Sollte es besonders warm oder besonders kalt sein oder der Bus in die reichlichen Berliner Staus hineingeraten, so sinkt die Reichweite der E-Busse auf etwa 100 Kilometer. Das heißt, der Bus ist gut für eine Halbtagesfahrt. Gleichzeitig steigen die betrieblichen Instandhaltungsintervalle, die bei der Ökobilanz natürlich auch nicht eingerechnet sind.

Mehr technologische Offenheit nötig
Um nicht missverstanden zu werden: E-Mobilität kann im begrenzten regionalen Bereich sicherlich eine Möglichkeit sein, wobei die Rohstoffproblematik immer im Hintergrund mitschwingen
muss. Allerdings gibt es ja viel mehr aktuelle Überlegungen und Entwicklungen, die vielleicht partiell noch nicht ganz ausgereift sind. Aber die einseitige Fixierung auf die E-Mobilität verschleiert den Blick darauf, dass es möglicherweise Alternativen gibt, ob Hybrid- Fahrzeuge, die Weiterentwicklung der Brennstoffzellen-technik oder aktuell Electric Fuel-Verfahren oder aber eine gerade vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelte Magnesium-Batterie. Diese technologische Offenheit muss man sich erhalten, denn die Technik schreitet so schnell fort, dass es unverantwortlich ist, so einseitig auf eine Technologie zu setzen. Abgesehen davon wird es den Benziner und den Diesel berechtigterweise auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten als bewährte Fortbewegungs-mittel geben. Professor Uwe Schneidewind vom Wuppertaler Institut hat, wie ich finde zu Recht, darauf hingewiesen, dass es eine Illusion sei, Klima- und Umweltprobleme des Verkehrs nur mit der Einführung von E-Autos lösen zu wollen. Eine reine Fixierung sei nicht sinnvoll.

Grüne Ideen bedeuten Verdoppelung des Heizölpreises
Die Grünen, die derzeit auf einer Umweltwohlfühlwelle schweben, haben bisher vermieden, konkrete Aussagen zu machen, was sie in Punkto Mobilität wie genau ändern wollen und wie sich das auf den Bürger auswirken soll. Die Grünen unterstützen die Fridays for Future-Bewegung und habe sich deren Forderungen zu eigen gemacht. Schaut man sich diese an, steht die Forderung nach einer CO2-Steuer von 180 Euro pro Tonne auf der Agenda. Experten haben ausgerechnet, dass bei Umsetzung dieser Pläne die Heizkostenrechnung einer Familie sich um ca. 100 Prozent verteuern wird. Wer mit Erdgas heizt, kommt „preiswerter“ weg: 50 Prozent mehr, und der Liter Benzin/Diesel wird sich dann um ca. 50 bis 60 Cent erhöhen. Nicht zu vergessen in diesem Kontext die Forderung der Grünen, wonach im Jahr 2030 nur noch Elektroautos zugelassen werden dürfen! Hier sind sie wieder, die ständigen Versuche der Grünen, die Bürger zu bevormunden und zu reglementieren.

25 Milliarden Euro Mehrbelastung für Stromverbraucher
Der ehemalige grüne Umweltminister Trittin brachte das Erneuerbare-Energie-Einspeisungs-Gesetz (EEG) auf den Weg mit der Bemerkung, der Bürger werde diese Belastung nicht bemerken,
denn diese belaufe sich auf den Gegenwert maximal einer Kugel Eis, die vor 15 Jahren bei etwa 50 Cent lag. Das Ergebnis dieser Aussage ist bekannt. Die Belastungen für den Stromverbraucher, den Bürger, belaufen sich auf 25 Milliarden Euro pro Jahr. Andere
Preistreiber sind dabei gar nicht eingerechnet. Das Ergebnis ist, dass wir heute bereits weltweit, so die FAZ in einem Artikel vor einigen Wochen, den höchsten Strompreis haben.

Wenn alle Länder weltweit Deutschlands Standard hätten, ginge es der Umwelt deutlich besser

Was ich persönlich zumindest nicht akzeptieren kann ist, dass in Form einer völlig irrationalen Klima-Hysterie, die es in dieser Form nur in Deutschland gibt, so getan wird, als ob die Politik in der Vergangenheit nichts gemacht hätte. Man kann immer darüber streiten, ob man noch mehr macht, aber es muss auch einen Ausgleich geben zwischen Ökonomie und Ökologie. Deshalb ist die Politik der stetigen und verantwortbaren Schritte richtig.

Fakten:

  • Die Stickoxid-Emission beim Diesel ist in den letzten 25 Jahren um 70 Prozent gesunken.
  • Der Treibhausgasausstoß in Deutschland ist von 1990 bis heute um rund 30 Prozent gesunken trotz Wirtschafts-wachstum und steigender Bevölkerungszahl.
  • Der Energieverbrauch ist 2018 auf den niedrigsten Stand seit Anfang der 70er Jahre gefallen.
  • Wir haben in Deutschland die sauberste Luft, die es je gab.
  • Wir haben in Deutschland die saubersten Gewässer, die es je gab. Rund 97 Prozent der Badeseen verfügen über eine hervorragende badetaugliche Wasserqualität.
  • Im Rhein werden Lachse ausgesetzt.
  • Aus den toten Gewässern wie der Elbe im anderen Teil Deutschlands wurde wieder ein sauberer Fluss. Die gigantischen Umweltschäden aus der Zeit des Sozialismus in der DDR sind komplett beseitigt…

Vor diesem Hintergrund einer Faktenlage die Apokalypse herbeizu-schreiben, medial oder auch durch interessierte politische Parteien, ist unverantwortlich und hat mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Ich kann mich noch gut an meine Kindheit erinnern. Wetzlar war in den 50er und 60er Jahren die Stadt mit der höchsten Luftverschmutzung in ganz Hessen. Es lohnte sich gar nicht, sein Auto, derer es ohnehin nicht viele gab, zu waschen. Es war sehr
schnell von einer Schmutzschicht überzogen, ebenso wie Bettlaken, die man zum Trocknen auf die Wäscheleine hing. Wie viel besser geht es uns heute? Die Entwicklungen sind enorm
und gelegentlich sollte man auch einmal den Mut haben, die Dinge deutlich beim Namen zu nennen.

Deutschland hat im Umweltbereich einen weltweit exzellenten Standard, und wir könnten mit so mancher Milliarde, die wir in geringfügigste Verbesserungen investieren, klima- oder umwelt-politisch mehr erreichen, wenn wir die tropischen Regenwälder als grüne Lunge dieser Welt erhalten und nicht tatenlos zuschauen würden, wie durch Brandrodung riesige Flächen unwiderruflich verloren gehen. Wir würden für das Klima mehr tun, wenn wir die Filtertechnik unserer Kohlekraftwerke exportieren würden. Wir diskutieren über Kohleausstieg in Deutschland, eine überschaubare zweistellige Zahl, während zugleich (!) weltweit etwa 1400 im Bau bzw. in Planung sind. Wir würden mehr für die Umwelt erreichen und bewirken, wenn wir statt einer vierten Reinigungsstufe bei Kläranlagen mit Trinkwasserqualität den Ländern helfen würden, Kläranlagen zu bauen, die überhaupt noch keine haben oder nur eine Reinigungsstufe.

Man könnte noch viele dieser Beispiele anführen. Es würde den Rahmen sprengen. „Die“ Politiker, die in den letzten Jahren dieses Land regiert haben, ob Union, ob SPD oder auch FDP, haben im Sinne der Bewahrung der Schöpfung sehr vieles richtig gemacht – aber auch Fehler, wie zum Beispiel die aus meiner Sicht zu überstürzte Energiewende. Aber alle Überlegungen waren immer von der Idee getragen, Bevölkerung und Umwelt zu schützen. Man
kann in der Sache in dem ein oder anderen Punkt natürlich Kritik üben. Das ist das gute Recht von Opposition, von Bürgern, Verbänden und Medien. Bei aller Kritik sollte man aber die Lebens-wirklichkeit nicht ganz ausblenden. Und wenn mir junge Leute sagen, dass es zur Apokalypse kommt, wenn die Kohlekraftwerke erst im Jahr 2038 abgeschaltet werden und nicht früher, dann haben wir in Sachen Bildung noch viel zu tun.